Wir suchen Betroffene von Konversionstherapien

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Konversionstherapien können schwere psychische Folgen haben. (Symbolbild) Foto: Kat J von Unsplash

„Konversionstherapien“ sind alle Versuche, die sexuelle Orientierung von homosexuellen Menschen zu unterdrücken oder in eine heterosexuelle Orientierung zu „ändern“. Diese Pseudo-Therapien wurden in Erklärungen der Bundesärztekammer und des Weltärztebunds als nicht nur wirkungslos, sondern auch gefährlich verurteilt. Der Deutsche Ärztetag schloss sich dem 2014 an. Für die Betroffenen kann das schwere psychische und physische Folgen haben – angefangen von Depressionen bis hin zum Selbstmord. Michel Rudin, Co-Präsident von Pink Cross Schweiz, sieht derartige „Therapien“ deshalb als eine Form der „psychischen Vergewaltigung“.

Solche Angebote sind möglicherweise strafbar, wie die Bundesregierung auf Anfrage von Leo Watch mitteilte: „So kann die angewandte Therapiemethode beispielsweise den Tatbestand der Körperverletzung nach § 223 Strafgesetzbuch erfüllen, wenn die Handlung nicht über eine Einwilligung des Betroffenen gerechtfertigt ist“, sagte eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums im Juni.

Betroffene gesucht

Neben dem Leo-Verein existieren weitere Gruppen und Vereine, die ebenfalls Homosexualität als zu behandelnde „Störung“ ansehen und Menschen mit kruden „Therapieversuchen“ in Gefahr bringen. Erst vor kurzem wurde erneut über den Bund Katholischer Ärzte berichtet, der Homosexualität für „sittliches Fehlverhalten“ hält und mit Homöopathie „heilen“ will.

Wie viele Menschen bislang unter Konversionstherapien leiden mussten ist unbekannt – genau so wie die Zahl der Anbieter. Wir – die Journalisten Markus Kowalski und Silvio Duwe – wollen das ändern. Wir möchten den Betroffenen mit unseren Berichten eine Stimme geben und die Aktivitäten der homosexuellenfeindlichen Akteure aufdecken. Dazu brauchen wir Unterstützung.

Betroffene oder Zeugen von Konversionstherapien können sich bei uns melden – anonym und vertraulich unter:

Wir sind für jeden Hinweis und jede Unterstützung dankbar. Bitte teilt diesen Aufruf.

Was zuletzt geschah

Zuletzt hatte dieses Blog berichtet, dass ein Leak von Seminarunterlagen den Verdacht erhärtet hatte, dass sogenannte Konversionstherapien zur „Umpolung“ von Homosexuellen angeboten werden. Daraufhin hatte sich der Landtag von Sachsen-Anhalt mit der Sache befasst. Auch die Kirchengemeinde Bennungen zog Konsequenzen und grenzte sich vom Leo-Verein ab.

Erst 2014 wurde öffentlich, dass in Seminaren des Leo e.V. gelehrt wurde, Homosexualität sei eine psychische Störung und die Folge von Minderwertigkeitskomplexen. Ein Bericht in der ARD-Sendung „Fakt“ zeigte außerdem, wie der Verein mit der CDU-Sachsen-Anhalt vernetzt ist. Vorsitzender des Leo e.V. ist der ehemalige CDU-Landtagsabgeordnete Bernhard Ritter. Weitere CDU-Mitglieder, teils ehemalige Mandatsträger, sind Mitglied des Kuratoriums – darunter der ehemalige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Christoph Bergner. Die von „Fakt“ erhobenen Vorwürfe wurden durch den Vereinsvorsitzenden Bernhard Ritter jedoch lange bestritten.

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Pfarrer gibt zu, Schwule „umgepolt“ zu haben

 

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Leo-Vorsitzender Ritter im Gespräch mit „MDR Sachsen-Anhalt heute“ im  Februar dieses Jahres. (Screenshot

Vier Jahre nach Beginn des Leo-Skandals hat Bernhard Ritter, Vorsitzender des Leo-Vereins in Sachsen-Anhalt, zugegeben, Schwulen und Lesben Konversionstherapien angeboten zu haben. Dies geht aus einem Artikel der Mitteldeutschen Zeitung (Sangerhäuser Zeitung vom 7. Juli 2018) hervor. 

Ritter sagt darin: „Ja, es gibt einige, deren sexuelle Orientierung beeinflusst wurde und die nun nicht mehr homosexuelle Gefühle hegen, sondern mittlerweile verheiratet sind und Kinder haben. Aber es ist ein langer und harter Weg, das sage ich auch jedem.“ Weiter: „Aber es gibt Strukturen, die Menschen in schwierigen Situationen helfen, diese zu überwinden. Und solche Strukturen versuche ich aufzuzeigen.“

Auf telefonische Anfrage dieses Blog hin bestätigte Ritter die Aussagen des MZ-Artikels. Er könne nicht genau sagen, wie vielen Homosexuellen er in 35 Jahren seiner Arbeit „geholfen“ habe. „In den ersten Jahren waren es recht viele, die zu mir kamen“, sagte Ritter. „In den letzten Jahren jedoch nur noch ganz wenige.“

Ein weiteres Mitglied des Leo e.V. ist der Arzt Stephan Brücker. Er bietet in seiner Dresdner Praxis an, Homosexualität im Rahmen einer Psychotherapie zu „heilen“, wie im vergangenen Jahr das Magazin „Exakt“ des Mitteldeutschen Rundfunks mit versteckter Kamera dokumentierte.

Bundesregierung: „Therapien“ sind möglicherweise strafbar

„Konversionstherapien“ sind alle Versuche, die sexuelle Orientierung von homosexuellen Menschen zu unterdrücken oder in eine heterosexuelle Orientierung zu „ändern“. Diese Pseudo-Therapien wurden in Erklärungen der Bundesärztekammer und des Weltärztebunds als nicht nur wirkungslos, sondern auch gefährlich verurteilt. Der Deutsche Ärztetag schloss sich dem 2014 an. Für die Betroffenen kann das schwere psychische und physische Folgen haben – angefangen von Depressionen bis hin zum Selbstmord. Michel Rudin, Co-Präsident von Pink Cross Schweiz, sieht derartige „Therapien“ deshalb als eine Form der „psychischen Vergewaltigung“.

Die Bundesregierung teilte auf Anfrage von Leo Watch hin mit, dass solche Angebote möglicherweise strafbar sind: „So kann die angewandte Therapiemethode beispielsweise den Tatbestand der Körperverletzung nach § 223 Strafgesetzbuch erfüllen, wenn die Handlung nicht über eine Einwilligung des Betroffenen gerechtfertigt ist“, sagte eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums im Juni.

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„Birkenhof“ in Bennungen, in dem die Seminare des Leo-Vereins stattfinden. (Foto: M. Kowalski)

Durch das Gespräch des Leo-Vorsitzenden Bernhard Ritter gegenüber der Mitteldeutschen Zeitung steht fest, dass beim Leo e.V. gefährliche Konversionstherapien stattgefunden haben. Das bestätigt die Recherchen von Leo Watch und anderer Medien, die seit 2014 immer wieder über den Fall berichteten. Polizei und Staatsanwaltschaft müssen jetzt ermitteln, ob hier Straftaten begangen wurden. Dies könnte vorliegen, wenn Homosexuelle sich seelsorgerlich an den Verein gewandt haben, dann jedoch gegen ihren Willen gezwungen wurden, „heterosexuell“ zu werden.

Betroffene gesucht

Der Leo-Verein ist dabei kein Einzelfall. Es existieren weitere Gruppen und Vereine, die ebenfalls Homosexualität als zu behandelnde „Störung“ ansehen und Menschen mit kruden „Therapieversuchen“ in Gefahr bringen. Erst vor kurzem wurde erneut über den Bund Katholischer Ärzte berichtet, der Homosexualität für „sittliches Fehlverhalten“ hält und mit Homöopathie „heilen“ will.

Wie viele Menschen bislang unter Konversionstherapien leiden mussten ist unbekannt – genau so wie die Zahl der Anbieter. Wir – die Journalisten Markus Kowalski und Silvio Duwe – wollen das ändern. Wir möchten den Betroffenen mit unseren Berichten eine Stimme geben und die Aktivitäten der homosexuellenfeindlichen Akteure aufdecken. Dazu brauchen wir Unterstützung.

Betroffene oder Zeugen von Konversionstherapien können sich bei uns melden – anonym und vertraulich unter:

Wir sind für jeden Hinweis und jede Unterstützung dankbar. Bitte teilt diesen Aufruf.

Was zuletzt geschah

Zuletzt hatte dieses Blog berichtet, dass ein Leak von Seminarunterlagen den Verdacht erhärtet hatte, dass sogenannte Konversionstherapien zur „Umpolung“ von Homosexuellen angeboten werden. Daraufhin hatte sich der Landtag von Sachsen-Anhalt mit der Sache befasst. Auch die Kirchengemeinde Bennungen zog Konsequenzen und grenzte sich vom Leo-Verein ab.

Erst 2014 wurde öffentlich, dass in Seminaren des Leo e.V. gelehrt wurde, Homosexualität sei eine psychische Störung und die Folge von Minderwertigkeitskomplexen. Ein Bericht in der ARD-Sendung „Fakt“ zeigte außerdem, wie der Verein mit der CDU-Sachsen-Anhalt vernetzt ist. Vorsitzender des Leo e.V. ist der ehemalige CDU-Landtagsabgeordnete Bernhard Ritter. Weitere CDU-Mitglieder, teils ehemalige Mandatsträger, sind Mitglied des Kuratoriums – darunter der ehemalige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Christoph Bergner. Die von „Fakt“ erhobenen Vorwürfe wurden durch den Vereinsvorsitzenden Bernhard Ritter jedoch lange bestritten.

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Kirchengemeinde beschließt Sanktionen gegen Homo-Heiler von Leo

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Die Kirche in Bennungen. Foto: Dguendel/CC BY-SA 4.0

Der Gemeindekirchenrat der evangelischen Kirchengemeinde in Bennungen hat in seiner Sitzung am 28. Mai beschlossen, sich räumlich und personell stärker vom Leo-Verein abzugrenzen. Das geht aus einem Brief von Pfarrer Folker Blischke an den Autor dieses Blog hervor.

Leo-Andachten in der Kirche müssen angemeldet werden

Zentral sind drei Entscheidungen. Erstens soll das Kirchengebäude weiter für den Leo-Verein offen stehen. Künftig müssen Veranstaltungen jedoch nicht nur mündlich, sondern schriftlich angemeldet werden. Mitglieder des Gemeindekirchenrats sollen dann während der Veranstaltung vor Ort sein, „um sicherzustellen“, dass es sich „nicht um Seminarangebote“ handele, sondern nur um Andacht und Gebet. Seminarangebote von Leo dürften nicht in der Kirche stattfinden. Durch eine Veröffentlichung von Fotos war bekannt geworden, dass Teile der Leo-Seminare in der Kirche stattfinden.

Zweitens wird die „Kinderkirche“ nicht mehr im Birkenhof stattfinden, da dieses Gebäude dem Leo-Verein gehört. Da „die kirchliche Arbeit mit Kindern in besonderer Weise von Sorgfaltspflichten geprägt“ sei, werde es „vorerst“ keine weiteren Veranstaltungen der Kirchengemeinde mit Kindern im Birkenhof geben, sondern nur noch in der Kirche und im Gemeinderaum. Dieser wird von der Kirchengemeinde angemietet. Es sollen Gespräche mit dem Kirchenkreis über das weitere Vorgehen folgen.

Drittens sollen Predigten von Bernhard Ritter, Pfarrer im Ruhestand und Leo-Vereinsvorsitzender, weiterhin möglich sein. Es werde jedoch weiterhin im Gemeindebrief gekennzeichnet, wer sonntags predige, sollte es nicht Pfarrer Folker Blischke sein. „Generell muss jeder selbst entscheiden, wen er für glaubwürdig hält“, heißt es dazu im Brief.

Predigt-Vereinbarung zu Themen der Sexualethik

Durch das Schreiben wurde erstmals bekannt, dass es 2012 zum Amtsantritt von Pfarrer Blischke eine Vereinbarung zu „sexualethischen Themen“ zwischen ihm und Ritter gab: „Als ich die Kirchengemeinde Bennungen 2012 als Pfarrer übernommen habe, habe ich ein längeres Gespräch mit Pfr. Ritter geführt. Darin hat er mir zugesichert, dass bei möglichen Vertretungsdiensten von ihm keinerlei sexualethische Themen thematisiert werden“, schreibt Blischke. „Soweit ich nachprüfen kann, hat er sich an diese Vereinbarung immer gehalten.“

Das zeigt, dass die evangelische Kirche vom Leo-Skandal 2014 keineswegs überrascht war. Vielmehr wusste man um die kruden Ansichten des Leo-Vorsitzenden Ritters zur „Heilung“ von Homosexualität. Dies wurde bislang verschwiegen.

Außerdem veröffentlichte die Kirchengemeinde eine Stellungnahme, in der sie sich vom Verein abgrenzt.

Im April hatte der Autor dieses Blogs in einem Antrag an die Kirchengemeinde Bennungen Konsequenzen gefordert. Daraufhin gab es eine Diskussionsveranstaltung zwischen dem Blog-Autoren und Pfarrer Folker Blischke in Bennungen.

Enthüllt: Homo-„Heiler“-Verein Leo arbeitet mit Kirche zusammen

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Die Kirche in Bennungen (Sachsen-Anhalt), in der Veranstaltungen des Leo-Vereins stattfinden. Foto: Dguendel/CC BY-SA 4.0

Die Evangelische Kirche will mit dem Leo-Skandal nichts zu tun haben – doch jetzt belegen Fotos, wo die Kirche den Homo-„Heiler“-Verein bislang unterstützt hat.

Am Dienstag hatten Kirchenvertreter in der Mitteldeutschen Zeitung versucht, jegliche Beteiligung der Kirche an den Angeboten von „Leo“ von sich zu weisen: „Bei dieser Beratung handelt es sich nicht um ein kirchliches Angebot, sondern um das eines Vereins“, sagte Friedemann Kahl, Sprecher der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands. Auch Andreas Berger, Superintendent des Kirchenkreises Eisleben-Sömmerda, weist eine Verbindung von sich. „Dieser Verein ist keine Einrichtung der Evangelischen Kirche. Wir unterstützen den Verein ideell und finanziell nicht.“

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Dieses Foto von einem Leo-Seminar in der Bennunger Kirche veröffentlichte der Journalist Silvio Duwe auf Twitter.

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Daraufhin enthüllte der Journalist Silvio Duwe auf Twitter ein Foto, das den Leo-Vereinsvorsitzenden und Pfarrer im Ruhestand Bernhard Ritter in der Bennunger Kirche zeigt – während eines Leo-Einführungsseminars, wie Duwe gegenüber Leo Watch sagt. Er habe das Bild, das mit einer versteckten Kamera aufgenommen wurde, von einem Seminarteilnehmer zugespielt bekommen.

 

Kirchenvertreter bislang untätig

Auch Material, das Leo Watch bereits im vergangenen Jahr veröffentlicht hatte, belegt, dass der Leo e.V. für seine Veranstaltungen die Räumlichkeiten der Kirchengemeinde Bennungen nutzt.

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Auszug aus dem Bericht, den der Leo-Verein selbst zur Verfügung stellte. Schwärzungen wurden durch den Landkreis vor der Veröffentlichung vorgenommen. Foto: Leo Watch

Ein Bericht, den der Verein auf Anfrage des Jugendhilfeausschusses des Landkreises Mansfeld-Südharz veröffentlichte, enthält ein Foto, auf dem Teilnehmende der „Kreativwoche“ in der Bennunger Kirche zu sehen sind.

Bislang wollen weder Landeskirche, Kirchenkreis noch der amtierende Dorfpfarrer Folker Blischke dienstrechtliche Konsequenzen für Pfarrer i.R. Bernhard Ritter in Erwägung ziehen. Dabei hatte der Lesben- und Schwulenverband Sachsen-Anhalt in der vergangenen Woche gefordert, die Ordination des Pfarrers i.R. Ritter abzuerkennen. Ebenso forderte der Blogger von Leo Watch den aktuellen Pfarrer der Gemeinde Bennungen, Folker Blischke, in einem Schreiben auf, im Gemeindekirchenrat Konsequenzen für den ehemaligen Dorfpfarrer Ritter zu ziehen.

Ein Vorschlag: Die Gemeinde könnte dem Verein verbieten, die Dorfkirche für die Leo-Veranstaltungen zu nutzen. Doch bislang ist auch der aktuelle Dorfpfarrer Blischke untätig: „Wir müssen aber auch die Kirche im Dorf lassen“, sagte er der MZ. „Generell sehe ich keine Gefahr, die von diesen Seminaren ausgeht, da es keinerlei Werbung oder Außenwirkung gibt.“

Reaktionen auf Leo-Leak: Rechtsausschuss des Landtages befasst sich mit Skandal

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Der Landtag von Sachsen-Anhalt. Foto: Ralf Roletschek/Wikimedia Commons

Nach dem Skandal um den Leo e.V.  haben sich Landespolitiker*innen und Aktivist*innen des Lesben- und Schwulenverbandes geäußert. Die Reaktionen werden hier laufend aktualisiert und gesammelt.

Update 21. April 11 Uhr: Fall wird im Rechtsausschuss und Jugendhilfeausschuss behandelt 

Wie die Mitteldeutsche Zeitung am 21. April berichtet, soll der Fall Leo im Rechtsausschuss des Landtages besprochen werden. Das kündigte Eva von Angern,Vizefraktionschefin der Landtagsfraktion der Linken, an: „Fest steht: So ein Verein kann nicht Träger der Jugendhilfe sein“, sagte sie. Damit verwies sie auch auf den Jugendhilfeausschuss, der im Landkreis Mansfeld-Südharz für die Angelegenheit zuständig ist. Dessen Vorsitzende Christine Kümmel sagte, sie könne sich vorstellen, „dass das nochmal auf die Tagesordnung kommt“. Der entsprechende Unterausschuss komme bald zusammen und werde das Thema besprechen.

Die Grünen, SPD und Linken im Landtag sind sich in ihren Forderungen einig: Die freie Trägerschaft in der Jugendhilfe müsse dem Verein aberkannt werden. „Ich hoffe, dass die nun publizierten Dokumente dafür sorgen, dass der Verein den Status als Träger der Jugendhilfe schnellstmöglich verliert“, erklärte Christian Franke, Landesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen Sachsen-Anhalt. „Der Landkreis Mansfeld Südharz ist jetzt gefordert. Es geht hier um Jugendschutz und Suizidprophylaxe und nicht um Petitessen. Selbsternannte ‚Homo-Heiler‘ sind Scharlatane und machen krank, statt zu heilen.“

Dem schloss sich Angela Kolb-Janssen, gleichstellungspolitische Sprecherin der SPD im Landtag an. Sie erklärte: „Besonders widerlich ist es aber, ohne Differenzierung und Erläuterung Homosexualität und Pädophilie oder Exhibitionismus in einen Zusammenhang zu stellen. Ein Verein, der vorgibt, er könne Homosexualität heilen, disqualifiziert sich als Träger der freien Jugendhilfe.“

Wulf Gallert von den Linken im Landtag schrieb auf Twitter ironisch: „Eine „christliche Selbsthilfegruppe“ aus Sachsen Anhalt stellt Homosexualität auf eine Stufe mit Pädophilie und will diese heilen. Aber wir sind ja hier im aufgeklärten Abendland und haben kein Problem mit religiösem Fundamentalismus.“ Hendrik Lange richtete sich auf Twitter an die konservativen Landtags-Kolleg*innen: „Ich fordere die CDU auf, ihre personellen Verstrickungen zum LEO e.V offenzulegen!“

Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) Sachsen-Anhalt fordert in einer Pressemitteilung zusätzlich Konsequenzen von der Evangelischen Kirche. Sie solle die Ordination des Vereinsvorsitzenden Bernhard Ritter, der Pfarrer im Ruhestand ist, aberkennen. Außerdem solle sich die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland von dem Verein distanzieren. Zudem erinnert der Verband daran, dass Leo e.V. seine Arbeit durch Spenden finanziere und daher die Gemeinnützigkeit für den Verein wichtig sei. Daher fordert der LSVD vom Landtag eine „Prüfung, inwiefern es rechtliche Möglichkeiten zum Entzug der Gemeinnützigkeit des Leo e.V. gibt“. Außerdem solle der Landtag den Landkreis Mansfeld-Südharz beim Verfahren um die Aberkennung der freien Trägerschaft des Vereins unterstützen.

Seminarunterlagen zeigen: So will ein Pfarrer Homosexualität „heilen“

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In diesem Haus in Bennungen findet noch bis Sonntag das Leo-Seminar statt. Foto: Markus Kowalski

Noch bis zum Sonntag (21. April) findet in Bennungen in Sachsen-Anhalt wieder ein Seminar des Leo-Vereins statt. Bernhard Ritter, ehemaliger Dorfpfarrer, referiert dort unter anderem zur „Selbstbehandlung innerseelischer Störungen“. Zu diesen Störungen zählt bei Leo auch Homosexualität. Das zeigen Dokumente, die jetzt von einem Journalisten auf Twitter erstmals veröffentlicht wurden. Sie zeigen, wie sich Ritter eine „Heilung“ von Homosexualität vorstellt – und dass er Verbindungen zur der aktuellen Landesregierung hat.

„Seminarunterlagen zeigen: So will ein Pfarrer Homosexualität „heilen““ weiterlesen

Wie der MDR einen Homo-“Heiler” rehabilitiert 

In einem Bericht von “MDR Sachsen-Anhalt heute” widerruft das Magazin die eigenen investigativen Recherchen – ohne die Vorwürfe von damals zu prüfen.

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MDR-Autoren (r.) interviewen im Beitrag Vereinsvorsitzenden Ritter (l.) – Screenshot

Im Jahr 2014 hatte der Sender enthüllt, dass in den Seminaren des Leo e.V. Homosexualität als heilbare psychische Krankheit dargestellt werde. In einem Beitrag von dieser Woche Montag, in einem Rückblick vier Jahre nach dem Skandal, heißt es: “Bernhard Ritter sieht sich und ‘Leo’ heute rehabilitiert.” Weiter: “Homophob zu sein, wie ihm 2014 vorgeworfen wurde, wies und weist Herr Ritter vehement zurück.”

Dabei lagen genug Materialien vor, die die Homo-“Heiler”-Vorwürfe stützen. Der Vereinsvorsitzende Ritter veröffentlichte bereits im Jahr 1985 das Buch “Das Drama des gewöhnlichen Homosexuellen”, worin er beschreibt, dass Homosexualität aus einem Selbstmitleidmechanismus resultiere und daher behandelbar sei.

Seine Tiraden gegen Homosexuelle ziehen sich bis in die Gegenwart. Das Blog Leo Watch hatte vier E-Mails von Bernhard Ritter veröffentlicht, in denen der Vereinsvorsitzende für die “Heilung” von Homosexualität wirbt – bis ins Jahr 2016, als er seine Thesen zur Homosexualität in einer Anhörung vor dem Verwaltungsgericht Halle wiederholte. Im MDR-Beitrag ist davon keine Rede.

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Im Beitrag heißt es: “Bernhard Ritter sieht sich und ‘Leo’ heute rehabilitiert.” – Screenshot

MDR-Recherchen lassen zentrale Kritik ungeprüft 

Gegenüber Leo Watch verteidigt der Autor Frank Nowak die mediale Rehabilitierung von Ritter: “Das war das Ergebnis unserer Recherche. Unser Eindruck aus dem persönlichen Gespräch war, dass Herr Ritter nicht homophob ist.” Gleichzeitig macht Nowak deutlich, dass es in seiner “Recherche” nicht mehr als ein Interview mit Ritter gegeben habe. Man habe sich nicht noch einmal in ein solches Seminar gesetzt und sich von Ritter auch nicht die Seminarmaterialen geben lassen. Die Folge: Ritter durfte sich durch ein Interview quasi selbst rehabilitieren.

Dabei war der zentrale Vorwurf damals und heute nicht Ritters Person, sondern die Inhalte der von “Leo” angebotenen Seminare. Denn in diesen wurde von einer möglichen “Heilung” von Homosexuellen gesprochen. Doch genau diesen Punkt haben die MDR-Autoren nicht noch einmal geprüft.

Sender diskreditiert eigene Investigativ-Berichte 

Mit diesem neuen Fernsehbeitrag suggeriert der MDR, dass im Fall Leo nun alles sei wie zuvor, als hätte es die Enthüllungen 2014 nicht gegeben. Dabei gab nach der Enthüllung eine Diskussion im Landtag von Sachsen-Anhalt sowie eine lebhafte mediale Debatte, in der sich viele Vertreter*innen aus Politik und Kirchen zu Wort meldeten. Der Paritätische Wohlfahrtsverband schloss Leo aus. Der Verein selbst hat sich kaum verändert: Bekannte Homo-“Heiler” wie Gerard van den Aardweg sitzen weiter im Wissenschaftlichen Beirat von Leo e.V. – im MDR-Beitrag dazu kein Wort.

Was seltsam ist: Dem gut 5-minütigen Fernsehbericht aus dem Jahr 2014 waren nach Informationen von Leo Watch aufwändige Recherchen vorausgegangen. Die mediale Rehabilitierung im Jahr 2018 wurde nun mit einem kurzen Interview abgehandelt.

Ebenso verwunderlich ist, dass Autor Frank Nowak in dem Beitrag einen Kollegen, der an dem ersten Enthüllungsbericht gearbeitet hatte, in einem Halbsatz kritisiert: “Teilgenommen, wenn auch nur kurz, hatte 2014 ein Reporter des MDR.” Der MDR diskreditiert nicht nur seine eigene investigative Berichterstattung, sondern betreibt auch Kollegenschelte. Wieso bloß?