Pfarrer gibt zu, Schwule „umgepolt“ zu haben

 

Screen Shot Ritter
Leo-Vorsitzender Ritter im Gespräch mit „MDR Sachsen-Anhalt heute“ im  Februar dieses Jahres. (Screenshot

Vier Jahre nach Beginn des Leo-Skandals hat Bernhard Ritter, Vorsitzender des Leo-Vereins in Sachsen-Anhalt, zugegeben, Schwulen und Lesben Konversionstherapien angeboten zu haben. Dies geht aus einem Artikel der Mitteldeutschen Zeitung (Sangerhäuser Zeitung vom 7. Juli 2018) hervor. 

Ritter sagt darin: „Ja, es gibt einige, deren sexuelle Orientierung beeinflusst wurde und die nun nicht mehr homosexuelle Gefühle hegen, sondern mittlerweile verheiratet sind und Kinder haben. Aber es ist ein langer und harter Weg, das sage ich auch jedem.“ Weiter: „Aber es gibt Strukturen, die Menschen in schwierigen Situationen helfen, diese zu überwinden. Und solche Strukturen versuche ich aufzuzeigen.“

Auf telefonische Anfrage dieses Blog hin bestätigte Ritter die Aussagen des MZ-Artikels. Er könne nicht genau sagen, wie vielen Homosexuellen er in 35 Jahren seiner Arbeit „geholfen“ habe. „In den ersten Jahren waren es recht viele, die zu mir kamen“, sagte Ritter. „In den letzten Jahren jedoch nur noch ganz wenige.“

Ein weiteres Mitglied des Leo e.V. ist der Arzt Stephan Brücker. Er bietet in seiner Dresdner Praxis an, Homosexualität im Rahmen einer Psychotherapie zu „heilen“, wie im vergangenen Jahr das Magazin „Exakt“ des Mitteldeutschen Rundfunks mit versteckter Kamera dokumentierte.

Bundesregierung: „Therapien“ sind möglicherweise strafbar

„Konversionstherapien“ sind alle Versuche, die sexuelle Orientierung von homosexuellen Menschen zu unterdrücken oder in eine heterosexuelle Orientierung zu „ändern“. Diese Pseudo-Therapien wurden in Erklärungen der Bundesärztekammer und des Weltärztebunds als nicht nur wirkungslos, sondern auch gefährlich verurteilt. Der Deutsche Ärztetag schloss sich dem 2014 an. Für die Betroffenen kann das schwere psychische und physische Folgen haben – angefangen von Depressionen bis hin zum Selbstmord. Michel Rudin, Co-Präsident von Pink Cross Schweiz, sieht derartige „Therapien“ deshalb als eine Form der „psychischen Vergewaltigung“.

Die Bundesregierung teilte auf Anfrage von Leo Watch hin mit, dass solche Angebote möglicherweise strafbar sind: „So kann die angewandte Therapiemethode beispielsweise den Tatbestand der Körperverletzung nach § 223 Strafgesetzbuch erfüllen, wenn die Handlung nicht über eine Einwilligung des Betroffenen gerechtfertigt ist“, sagte eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums im Juni.

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„Birkenhof“ in Bennungen, in dem die Seminare des Leo-Vereins stattfinden. (Foto: M. Kowalski)

Durch das Gespräch des Leo-Vorsitzenden Bernhard Ritter gegenüber der Mitteldeutschen Zeitung steht fest, dass beim Leo e.V. gefährliche Konversionstherapien stattgefunden haben. Das bestätigt die Recherchen von Leo Watch und anderer Medien, die seit 2014 immer wieder über den Fall berichteten. Polizei und Staatsanwaltschaft müssen jetzt ermitteln, ob hier Straftaten begangen wurden. Dies könnte vorliegen, wenn Homosexuelle sich seelsorgerlich an den Verein gewandt haben, dann jedoch gegen ihren Willen gezwungen wurden, „heterosexuell“ zu werden.

Betroffene gesucht

Der Leo-Verein ist dabei kein Einzelfall. Es existieren weitere Gruppen und Vereine, die ebenfalls Homosexualität als zu behandelnde „Störung“ ansehen und Menschen mit kruden „Therapieversuchen“ in Gefahr bringen. Erst vor kurzem wurde erneut über den Bund Katholischer Ärzte berichtet, der Homosexualität für „sittliches Fehlverhalten“ hält und mit Homöopathie „heilen“ will.

Wie viele Menschen bislang unter Konversionstherapien leiden mussten ist unbekannt – genau so wie die Zahl der Anbieter. Wir – die Journalisten Markus Kowalski und Silvio Duwe – wollen das ändern. Wir möchten den Betroffenen mit unseren Berichten eine Stimme geben und die Aktivitäten der homosexuellenfeindlichen Akteure aufdecken. Dazu brauchen wir Unterstützung.

Betroffene oder Zeugen von Konversionstherapien können sich bei uns melden – anonym und vertraulich unter:

Wir sind für jeden Hinweis und jede Unterstützung dankbar. Bitte teilt diesen Aufruf.

Was zuletzt geschah

Zuletzt hatte dieses Blog berichtet, dass ein Leak von Seminarunterlagen den Verdacht erhärtet hatte, dass sogenannte Konversionstherapien zur „Umpolung“ von Homosexuellen angeboten werden. Daraufhin hatte sich der Landtag von Sachsen-Anhalt mit der Sache befasst. Auch die Kirchengemeinde Bennungen zog Konsequenzen und grenzte sich vom Leo-Verein ab.

Erst 2014 wurde öffentlich, dass in Seminaren des Leo e.V. gelehrt wurde, Homosexualität sei eine psychische Störung und die Folge von Minderwertigkeitskomplexen. Ein Bericht in der ARD-Sendung „Fakt“ zeigte außerdem, wie der Verein mit der CDU-Sachsen-Anhalt vernetzt ist. Vorsitzender des Leo e.V. ist der ehemalige CDU-Landtagsabgeordnete Bernhard Ritter. Weitere CDU-Mitglieder, teils ehemalige Mandatsträger, sind Mitglied des Kuratoriums – darunter der ehemalige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Christoph Bergner. Die von „Fakt“ erhobenen Vorwürfe wurden durch den Vereinsvorsitzenden Bernhard Ritter jedoch lange bestritten.

Bleiben Sie über neue Veröffentlichungen dieses Blogs informiert und melden Sie sich hier für den Newsletter von Leo Watch an.

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2 Gedanken zu “Pfarrer gibt zu, Schwule „umgepolt“ zu haben

  1. > Dies könnte vorliegen, wenn Homosexuelle sich seelsorgerlich an den Verein gewandt haben, dann jedoch gegen ihren Willen gezwungen wurden, „heterosexuell“ zu werden.

    Wie alt sind denn die Homosexuellen gewesen?
    Wie hat man sie gezwungen solche Therapien in Anspruch zu nehmen?

    So bizarr dieser Verein ist; das wirkt nicht sehr glaubwürdig.

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    1. Es ist nicht bekannt, wie alt Menschen waren, die bei Leo e.V. um Hilfe gebeten haben. Bei „Zwang“ geht es mir darum, zu zeigen, dass seelsorgerliche Hilfe nicht immer freiwillig in Anspruch genommen werden kann. Konversionstherapien reden Homosexuellen ein, geheilt werden zu müssen, obwohl sie gesund sind. Er also bei Leo e.V. eingeredet bekam, „geheilt“ werden zu müssen, wurde möglicherweise gezwungen, anders zu leben, als er/sie möchte.

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