Seminarunterlagen zeigen: So will ein Pfarrer Homosexualität „heilen“

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In diesem Haus in Bennungen findet noch bis Sonntag das Leo-Seminar statt. Foto: Markus Kowalski

Noch bis zum Sonntag (21. April) findet in Bennungen in Sachsen-Anhalt wieder ein Seminar des Leo-Vereins statt. Bernhard Ritter, ehemaliger Dorfpfarrer, referiert dort unter anderem zur „Selbstbehandlung innerseelischer Störungen“. Zu diesen Störungen zählt bei Leo auch Homosexualität. Das zeigen Dokumente, die jetzt von einem Journalisten auf Twitter erstmals veröffentlicht wurden. Sie zeigen, wie sich Ritter eine „Heilung“ von Homosexualität vorstellt – und dass er Verbindungen zur der aktuellen Landesregierung hat.

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Im Februar 2018 erklärte sich Ritter für „rehabiliert“. Der MDR half ihm wohlwollend dabei und widerrief eigene Recherche-Ergebnisse. Foto: Screenshot/MDR Sachsen-Anhalt heute

2014 wurde durch einen Fernsehbericht des MDR bekannt, dass Ritter in einem Seminar einem Teilnehmer, der vorgab, mit seiner Homosexualität ein Problem zu haben, „Heilung“ angeboten hat. Dies stritt Ritter jahrelang ab, auch gegenüber dem Landkreis. Zuletzt sagte er im Februar 2018 gegenüber dem MDR, er sehe sich rehabilitiert. Die Sendung „MDR Sachsen-Anhalt heute“ half dabei und widerrief kurzerhand die eigenen, kritischen Recherchen aus dem Jahr 2014.

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Mit diesem Tweet veröffentliche Investigativ-Journalist Silvio Duwe Seminarunterlagen von Leo e.V. Foto: Screenshot

Der Journalist Silvio Duwe, der die erste Enthüllung recherchierte, veröffentlichte nun Auszüge aus dem Handout des Leo-Seminars, die ihm ein Teilnehmer des Seminars zugespielt haben soll. Die Veröffentlichung dieser vertraulichen Unterlagen zeige, dass Ritter tatsächlich „Heilung“ für Homosexuelle anbiete. Duwe erklärte gegenüber Leo Watch, er habe die Dokumente geleakt, „weil Ritter bei ‚Sachsen-Anhalt Heute‘ behauptet hat, so etwas wäre nicht Inhalt des Seminars“. Mit dem Handout will er den Gegenbeweis erbringen und zeigen, dass in dem „Einführungsseminar“ ein „homophobes Weltbild“ gelehrt werde.

Krudes Weltbild und seltsame Hoffnung auf „Änderung“

In der Handreichung, die Seminarteilnehmende bekommen sollen, wird Homosexualität unter dem Punkt „Störungen der Sexualität“ gelistet. So heißt es: „SM [Selbstmitleid] und MK [Minderwertigkeitskomplex] verhindern die Entwicklung zur ganzen Reife. Auch die Sexualität bleibt oft auf einer infantilen Stufe stehen.“ Als Beispiele für diese krude Theorie nennt Ritter: „Homosexualität, Transvestitismus, Transsexualität, Pädophilie, Hypersexualität, Exhibitionismus“. Hier wird sexuelle Vielfalt in Form von Homo- und Transsexualität als krankhaft gebrandmarkt und mit Pädophilie gleichgesetzt.

Ebenso verbreitet Ritter Falschaussagen zur Entstehung von Homosexualität. Auf einer anderen Seite des Handouts widmet er diesem Punkt ein eigenes Unterkapitel. Darin heißt es: „Es gibt auch keine wissenschaftlichen Belege für die natürliche Entstehung der HS [Homosexualität]! Solche Aussagen sind allesamt Ideologie der Selbstrechtfertigung.“ Er verleugnet an dieser Stelle jahrzehntelange wissenschaftliche Forschung zur Entstehung von Homosexualität.

Gleichzeitig ruft er im Manuskript zur „Änderung“ auf und erklärt, wie das gehen soll: „Machen wir Schluss […] mit den infantilen Gefühlen“. Sich von den Klagen des inneren Kinds zu distanzieren sei der erste Schritt im „Kampf gegen das Negative und zur Änderung“. Auf eine Anfrage von Leo Watch mit einer Reihe von Fragen äußerte sich Ritter bislang nicht.

Gleichstellungsministerin im selben Gremium mit Homo-„Heiler“

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Screenshot der Seite des Evangelischen Arbeitskreises der CDU in Sachsen-Anhalt. Justiz- und Gleichstellungsministerin Anne-Marie Keding (ganz links) mit Bernhard Ritter (zweiter von rechts).  Foto: Silvio Duwe/Twitter

Pikant ist ebenso, dass Ritter als CDU-Mitglied in der Partei Verbindungen zu jenen hat, die offiziell gegen Homophobie kämpfen sollen. Duwe veröffentlichte ein Bildschirmfoto von der Seite des Evangelischen Arbeitskreises (EAK) der CDU Sachsen-Anhalt. Dort ist Ritter weiterhin als Beisitzer vertreten – zusammen mit Anne-Marie Keding, Ministerin für Justiz und Gleichstellung in der Landesregierung . Keding ist derzeit unter anderem für die Umsetzung des „Aktionsprogramms für die Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern, Transsexuellen und intergeschlechtlichen Menschen (LSBTTI)“ verantwortlich. Das Ministerium, das sie leitet, soll gegen die Diskrimierung von Homosexuellem im Land kämpfen. Doch in ihrer eigenen Partei sitzt Keding mit einem Homo-„Heiler“ im selben Gremium. Das lässt zweifeln, wie ernst es der Ministerin mit der Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen ist. Zuletzt war die Umsetzung des Plans blockiert worden, da keine Mitarbeiter im Ministerium daran arbeiteten.

Im Justiz- und Gleichstellungministerium streitet man auf Anfrage jegliche Verbindung ab: „Die Ministerin unterstützt in keiner Form Herrn Ritter oder den Leo e. V., es gibt keine Zusammenarbeit, es gibt keine Kontakte zu Leo e.V.“, sagte ein Sprecher. „Die Ministerin lehnt jede Theorie, nach der Homosexualität als heilbare Krankheit behandelt wird, strikt ab.“ Zwischen der Mitarbeit der Ministerin im EAK mit Ritter und ihrer Arbeit für die Gleichstellung Homosexueller sehe man außerdem „keinen Widerspruch“.

Unterstützung bekommt die „Gesellschaft für Lebensorientierung“ (Leo) weiterhin von anderen Mitglieder der CDU. Zwei ehemalige Landtagsabgeordnete sind trotz des Skandals, der seit Jahren diskutiert wird, weiterhin Mitglied im Kuratorium des Vereins: Jürgen Scharf, Vorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises der CDU Sachsen-Anhalt und Christoph Bergner, ehemaliger Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt.

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